Eduard Rosenthal

II.II Idee, Konzept & Künstler

Ausgangspunkt der Idee zu einem Denkmal für Eduard Rosenthal war dessen verschwundenes Bildnis. Mit ihren »Erkundungsbohrungen« machen sich Horst Hoheisel und Andreas Knitz auf die Suche nach den seit der NS-Zeit verdeckten Spuren des verdienten Wissenschaftlers und Politikers.

Das Konzept des Denkmals

An fünf – mit Ausnahme des Erfurter Landtags – historischen Gebäuden in Jena, Weimar und Erfurt, die die wichtigsten Lebens- und Wirkungsorte des Rechtswissenschaftlers waren, zieht jeweils ein Loch von etwa 20 cm Durchmesser die Aufmerksamkeit auf sich.

In jedes Loch ist eine Hülse eingelassen, die zwei Glasscheiben mit Texten enthält. Die vordere Schreibe enthält Informationen über Rosenthals Wirken am jeweiligen Standort. Auf der zweiten, hinteren Scheibe sind historische Zitate von und über Eduard Rosenthal zu lesen. An manchen Standorten dokumentieren sie nicht nur sein Engagement und die Anerkennung, die er zu Lebzeiten genoss, sondern auch die antisemitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten gegen seine Frau Clara und sein ehrendes Gedächtnis.

Mit dieser ungewöhnlichen Denkmalform wird gleichzeitig eine negative und eine positive Aussage getroffen: Negativ, weil die Bohrung auf das bewusste Verschwindenlassen des Bildnisses und damit das aktive Auslöschen der Erinnerung an Eduard Rosenthal verweist, und positiv, weil die Inschriften auf Rosenthals Verdienste aufmerksam machen. Trotz ihrer geringen Größe und des unauffälligen Charakters sind die »Erkundungsbohrungen« eindringlich. Ein schwarzes Loch in der Fassade eines prominenten Gebäudes fällt nicht unbedingt auf den ersten Blick auf, doch hat man es einmal entdeckt, wird man neugierig. Schaut man hinein, wird man auf Eduard Rosenthal aufmerksam gemacht.

Dieser Blick in das Bohrloch ist ein doppelter: ein Blick zurück, in die Vergangenheit – das Suchen –, und ein Blick nach vorn, in die Gegenwart – das Entdecken und Begreifen. Der Entwurf von Hoheisel und Knitz wurde als Sieger des Botho-Graef-Kunstpreises gekürt, weil er – so die Begründung der Juryein starkes Bild für die notwendige Suche nach dem ins Vergessen gedrängten Eduard Rosenthal und seine gleichzeitige Neuentdeckung ist. Es ist stark, weil es nicht nur metaphorisch bleibt, sondern auch physisch ist – eine reale Verletzung der jeweiligen Gebäude, die Irritation erzeugt, in Form einer deutlichen Intervention. Der physische Eingriff erzeugt dabei immaterielle Präsenz.

Skizze des Rosenthal-Denkmals von Horst Hoheisel ©Horst Hoheisel

Eine bunte Pastelkreideskzizze zeigt andeutungshaft ein Loch in der Mitte in das ein Gesicht im Profil hineinblickt.

Die Realisierung des Denkmals

Das dezentrale Denkmal für Eduard Rosenthal wurde in mehreren Etappen realisiert. Im November 2019 wurde die erste Bohrung am Volkshaus in Jena durchgeführt. Im Spätsommer 2020 folgten die Villa Rosenthal, das Weimaerer Fürstenhaus und der Thüringer Landtag in Erfurt. Zur Einweihung der drei Jenaer Standorte am 24. September 2020 wurde vor den Augen der Gäste live das Hauptgebäude der Friedrich-Schiller-Universität Jena angebohrt.

Horst Hoheisel & Andreas Knitz

Horst Hoheisel und Andreas Knitz gehören zu den wichtigsten Wegbereitern einer kritischen Erinnerungskultur. In Deutschland und vielen anderen Ländern haben sie neue Formen von Denkmalen entwickelt. International bekannt wurde Horst Hoheisel mit dem während der documenta 8 realisierten »Aschrottbrunnen« (1987). Der vom jüdischen Industriellen Sigmund Aschrott gestiftete Brunnen vor dem Kasseler Rathaus war durch die Nationalsozialisten zerstört worden. Hoheisel rekonstruierte den Brunnen als in den Boden ragende Negativ-Form, in der das Wasser in die Tiefe stürzt. Seit 1994 arbeitet Hoheisel gemeinsam mit Andreas Knitz als Künstlerduo. In Thüringen haben sie bereits das Denkmal »Zermahlene Geschichte« (1997-2002) im Hof des Thüringer Staatsarchivs in Weimar und das »Denkmal an ein Denkmal« (1995) auf dem Appellplatz des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald geschaffen.

Horst Hoheisel (*1944 in Posen), studierte Forstwissenschaft in München und Freiburg und promovierte mit einer Strukturanalyse eines tropischen Regenwaldes an der Universität Göttingen. Parallel dazu studierte er Kunst in München und Kassel und wechselte 1980 aus der Wissenschaft ganz zur Kunst. 2012 nahm er an der documenta 13 teil. Seine Arbeiten sind in zahlreichen renommierten Sammlungen vertreten, darunter das MoMA in New York und das Jüdische Museum in Berlin.

Andreas Knitz (*1963 in Ravensburg) diplomierte in Kassel im Fach Architektur. Neben seiner Tätigkeit als Architekt arbeitet Knitz seit 1994 gemeinsam mit Horst Hoheisel an künstlerischen Projekten.