Eduard Rosenthal

III.III Ansätze der Wiedererinnerung

Das Vergessen-machen Rosenthals durch die Nationalsozialisten wirkte lange nach. Erst nach der ‚Wende‘ empfand man das Verschwinden des Bildnisses als schmerzlich, und es wurden Nachforschungen zu den Rosenthals angestellt. Das 2020 eingeweihte dezentrale Denkmal knüpft an diese Ansätze an und setzt ein dauerhaftes Zeichen der Erinnerung an Eduard Rosenthal.

E.R. – Inszeniertes Porträt eines Vergessenen

Anlässlich der drei Jenaer Denkmalstandorte wird die Stadt Jena selbst zur Bühne für ein bewegtes Portrait. Die theaterinszenierte Führung markiert Spuren und Fragmente der vergessen gemachten Persönlichkeit Eduard Rosenthal. Auf einer unterhaltsamen wie eigenwilligen Entdeckungsreise führt der Schauspieler Markus Fennert in eine Stadt, die ohne Eduard Rosenthal nicht die heutige wäre. Aus der Perspektive E.R.s schärfen die Teilnehmer*innen den Blick, vermessen Leerstellen und setzen mit historischen Bildabgleichen neue Fixpunkte. Sie markieren Spuren und eindringliche Wendepunkte, hören den Zeitgeist jener Jahre und tauchen in Archive ein, um Vergessenes und Verdrängtes zu bergen. Auf ein ungewöhnliches Wiedersehen und Kennenlernen!

Michael Helbing schreibt in Spurensuche in Jena: Ein Bild wird neu gerahmt für die Thüringer Landeszeitung am 7. Oktober 2020:

Im fünften Jahr wühlt sich das Duo mit diesem Theaterformat durch urbane Zeitschichten. Es hebt den Teppich, unter den Geschichte gekehrt wurde, kratzt am Lack des Vergessens und lässt Putz von Wänden bröckeln, auf dass Erinnerung ins Gedächtnis rieselt. Die performative Spurensuche (...) folgt stets dem Motto, mit dem uns Fennert jetzt einmal von einer Station zur nächsten ruft: „Weiter geht’s! Vorwärts in die Vergangenheit!“ [...] Es geht auf dieser Tour aber immer um mehr als um Gedenken und Erinnern, es geht auch um eine bisweilen spöttische, bisweilen traurige Kritik der Gedenkkultur selbst. Fennerts Teleskop-Zeigestab ist kein verlängerter Zeigefinger, eher mutiert er zum Fragezeichen. Der Staubwedel seiner Assistentin, die im Rollwägelchen Dokumente und Fotos spazieren fährt, entfernt an Denkmälern und Gedenktafeln kaum vorhandenen Staub. Was wir entdecken, mag das heißen, lag immer schon offen vor uns.

Konzept, Recherche & Regie: Anke Heelemann/ FOTOTHEK

Performance: Markus Fennert

Bisherige Termine 2020: 27. September, 2. Oktober, 4. Oktober, 10. Oktober, 11. Oktober

Eine Wiederaufnahme für 2021 ist geplant!

Der Botho-Graef-Kunstpreis 2018

Der Wettbewerb zum zehnten Botho-Graef-Kunstpreis der Stadt Jena und die Initiative für ein dezentrales Denkmal für Eduard Rosenthal ist der künstlerische Beitrag zur Wiedererinnerung. Das Konzept für den beschränkten Wettbewerb erarbeitete Prof. Dr. Verena Krieger gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Andrea Karle und Studierenden der Kunstgeschichte und Filmwissenschaft. Die Lehrstuhlinhaberin für Kunstgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena kuratierte auch den Wettbewerb, aus dem der Entwurf »Erkundungsbohrungen« von Horst Hoheisel und Andreas Knitz als Sieger hervorging, der im Jahr 2020 - 100 Jahre nach Gründung des Landes Thüringen - realisiert werden konnte.

Zur Dokumentation des Wettbewerbs ist ein umfassender Katalog erschienen. Er enthält ausführliche Informationen über Eduard Rosenthal, das Konzept des dezentralen Denkmals, die beteiligten Künstlerinnen und Künstler und ihre Entwürfe sowie über den Wettbewerb als Prozess. Der Katalog wurde herausgegeben von Verena Krieger und Jonas Zipf und ist im Buchhandel erhältlich.

Film zu Eduard Rosenthal

Der Film Eduard Rosenthal – Fragmente eines Lebens versucht durch die Kombination von Erinnerungen, Reden und Briefen mit heutigen Bildern von Orten, an denen Eduard Rosenthal gewirkt hat sowie mit historischen Fotos und Autographen ein lebendiges Bild des bedeutenden Rechtsgelehrten zu zeichnen. In eindrucksvollen Texten und Bildern werden einzelne Begebenheiten seines langen Wirkens für die Stadt Jena und das Land Thüringen erzählt. Für die Zuschauerinnen und Zuschauer wird Rosenthals Einsatz für die Jenaer Lesehalle und Leihbibliothek, seine Tätigkeit als erster Vorsitzender des Jenaer Kunstvereins und als geschätzter Professor der Juristischen Fakultät und zweimaliger Rektor der Jenaer Universität plastisch erlebbar. Im Film wird anhand von Dokumenten erzählt, welche bedeutende Rolle Eduard Rosenthal durch den von ihm vorgelegten Verfassungsentwurf, der mit wenigen Änderungen in den Folgejahren das erste demokratische Grundgesetz für Thüringen bildete, spielte.

Ein Film von Torsten Eckold nach Motiven des Buches »Eduard Rosenthal – ein Charakterporträt« von Dietmar Ebert.

Eduard Rosenthal. Ein Charakterporträt

In seinem 2018 bei edition Azur Dresden erschienenen Buch »Eduard Rosenthal – Ein Charakterporträt« entwirft der Jenaer Kultur- und Literaturwissenschaftler Dietmar Ebert ein lebendiges Bild des Rechtsgelehrten Eduard Rosenthal. Der Autor würdigt Rosenthal als »Vater« der Thüringer Verfassung und als tatkräftigen sozial und kulturell engagierten Bürger der Stadt Jena, der die Jenaer Lesehalle zu einem Kulturinstitut von europaweiter Bedeutung entwickelte. Von den Nationalsozialisten totgeschwiegen, in der DDR fast vergessen, findet Rosenthal nun endlich den ihm gebührenden Platz im kulturellen Gedächtnis.

Ausgehend von Briefen, Karten, Reden und Dokumenten, die er in sechs Jahren intensiver Archivrecherche, ausfindig und zum Teil zugänglich machte, zeichnet Dietmar Ebert das Bild eines weitblickenden jüdischen Juristen, dessen wissenschaftliche, soziale und kulturelle Leistungen ihm Respekt und Anerkennung weit über seinen Wirkungsort hinaus eingebracht haben.

In seinem Buch zeichnet Dietmar Ebert ein lebendiges Bild Eduard Rosenthals. ©edition Azur Dresden

Das Buchcover zeigt ein schwarz-weiß Porträt Eduard Rosenthals.

Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendien

Auch die Empfänger der jährlich vergebenen Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendien sind mit der Villa Rosenthal verbunden. Der erste Stipendiat für Stadtschreibung war Stephan Laudien. Seiner Recherche ist es zu verdanken, dass das Gemälde »Klärchen R.« von Raffael Schuster-Woldan nach Jena zurück kam. Auch Dietmar Ebert war 2015 Stipendiat für Stadtschreibung. Seine intensiven Recherchen zu Eduard Rosenthal mündeten unter anderem in dem Buch Eduard Rosenthal. Ein Charakterporträt, erschienen bei Edition Azur, Dresden. Torsten Eckold war im Jahr 2018 Rosenthal-Stipendiat und entwickelte in dessen Rahmen ein Dokumentarfilmprojekt. Der Kameramann wirkte unter anderem an der Theaterhausinszenierung zur Villa Rosenthal »Black Face – Die Villa« im Jahr 2013 mit.

Ein Blick auf die Verfassungsgeschichte

Das wissenschaftliche Werk des Juristen Eduard Rosenthal wurde durch den Rechtshistoriker Gerhard Lingelbach erforscht. Seine Studie von 2006 beleuchtet vor allem die Verdienste Rosenthals um die Erarbeitung der Thüringer Verfassung.

Die Wiederbelebung der Villa

Die Wiederbelebung der Villa Rosenthal als kultureller Ort ist ein zentraler Punkt innerhalb der Nachforschungen zu den Rosenthals. Clara und Eduard Rosenthal vermachten das Haus der Stadt Jena und bestimmten, es solle nach ihrem Tod für ideelle Zwecke genutzt werden. Jedoch wurde das Haus bis ins Jahr 2006 als Wohnraum vermietet. Nach einer dringend notwendigen denkmalgerechten Sanierung fand der Träger jenawohnen gemeinsam mit JenaKultur ein Nutzungskonzept, das dem testamentarischen Willen der Rosenthals entsprach. Seit 2009 ist die Villa Rosenthal öffentlich zugänglich. Heute finden hier Lesungen, Konzerte und Ausstellungen statt.

Im Frühjahr 2020 konnte auf zehn Jahre Villa Rosenthal zurückgeblickt werden. Zu diesem Anlass erschien die Publikation Villa Rosenthal. Geschichte und Vermächtnis einer jüdischen Familie bei Vopelius Jena.

Träger der Villa Rosenthal ist jenawohnen.

Die Villa Rosenthal in Jena ©JenaKultur, Andreas Hub

Außenfassade der Villa Rosenthal: Ein mehrstöckiges Gebäude mit Fachwerk-Giebel umrankt von grünem Blattwerk.

Das rekonstruierte Gemälde

Ende der 1990er Jahre erteilte Dr. Horst Skoludek, Vorstandssprecher der Zeiss AG Oberkochen, als  Verwaltungsratsvorsitzender der Freunde und Förderer der Friedrich-Schiller-Universität der Jenaer Malerin Gerlinde Böhnisch-Metzmacher den Auftrag, das verschwundene Bildnis Rosenthals  auf Grundlage von Fotografien zu rekonstruieren. Außerdem sollte sie ein postumes Bildnis des berühmten, ebenfalls an der Universität Jena tätigen jüdischen Psychiaters Otto Binswangers schaffen. Beide Gemälde hängen heute im Vorzimmer des Präsidenten der Universität Jena.

Das rekonstruierte Gemälde Rosenthals von Gerlinde Böhnisch-Metzmacher ©FSU Jena, Kustodie

Ein Gemälde zeigt einen sitzenden, grauhaarigen Mann als dreiviertel Porträt in schwarzem Anzug und weißem Hemd mit Vatermörder. In seiner rechten Hand hält er ein Buch auf seinen Oberschenkel gestützt. Im rechten oberen Bildrand steht ein Text: Eduard Rosenthal. Professor der Rechtswissenschaft.