I. Zur Person

Modern denkender Demokrat, Rechtswissenschaftler, »Vater der Thüringer Verfassung«, leidenschaftlicher Kunstförderer und engagierter Bürger der Stadt Jena – Eduard Rosenthal verkörpert die Geschichte von Wissenschaft, Kultur und Politik gleichermaßen. Ein Bild seiner erinnerungswürdigen Persönlichkeit lässt sich daher wohl am treffendsten in drei Dimensionen erzählen, die sein vielseitiges Lebenswerk spiegeln: Wissenschaftlich, politisch und kulturell hat sich Rosenthal um das Land Thüringen und speziell die Stadt Jena verdient gemacht.

Rosenthal, der Wissenschaftler

Am 6. September 1853 kommt Eduard Rosenthal in Würzburg als drittes von fünf Kindern des Kaufmanns Salomon Rosenthal zur Welt. Sein Vater, der eine führende Position im Aufsichtsrat einer Kreditgenossenschaft bekleidet, weckt im jungen Rosenthal frühzeitig ein Interesse für volkswirtschaftliche und rechtswissenschaftliche Inhalte. Das Studium beider Fächer führt ihn an die Universität seiner Geburtsstadt, nach Heidelberg und Berlin, der anschließende Vorbereitungsdienst für Justiz und Verwaltung schließlich nach Thüringen. Die Universitätsstadt Jena soll schnell zu seinem Lebensmittelpunkt werden. Hier beginnt seine »erst mühe-, dann glanzvolle akademische Laufbahn«, die ihn bis zu seinem Tod im Jahre 1926 fest mit dem städtischen und universitären Leben verbunden halten soll. Bereits zwei Jahre nach seiner bis heute beachteten Promotion zu den Eigentumsverhältnissen der Stadt Würzburg im April 1880, entscheidet sich Rosenthal gegen eine richterliche und für eine wissenschaftliche Laufbahn und habilitiert sich an der Juristischen Fakultät der Alma Mater Jenensis. Im selben Jahr beginnt er als Privatdozent Vorlesungen zum deutschen Privatrecht und zur deutschen Staats- und Rechtsgeschichte zu halten. Bei den Studierenden ist er beliebt und erarbeitet sich auch im Kollegium schnell große Anerkennung. Seine wissenschaftliche Lehre ist von bestechender Deutlichkeit und lässt nie das Praktische aus dem Blick.

Im städtischen und universitären Umfeld entwickelt Rosenthal seinerseits ein weittragendes Empfinden von Kollegialität, sozialer Eingebundenheit und der Freiheit, seinen eigenen Interessen nachgehen zu können. Der Weg zu einer ordentlichen Professur ist für ihn jedoch lange Zeit mit finanziellen und sozialen Hürden verbunden. Vorbehalte schlagen ihm vor allem aufgrund seiner jüdischen Religionszugehörigkeit entgegen, über die sich die Juristische Fakultät schließlich mit seiner Berufung zum ordentlichen Professor im Jahre 1886 hinwegsetzen kann. Rosenthal macht sich an der Jenaer Universität in seiner weiteren Laufbahn mehr als verdient, zweimal (1899–1900 und 1913–1914) hat er das Amt des Rektors inne, und in seinem wissenschaftlichen Wirken gibt er neue Impulse in seiner Disziplin. Neues fachliches Terrain betritt Rosenthal vor allem in Fragen des Arbeits- und Sozialrechts, bei denen er weit in die Moderne vorstößt. Die geistige Voraussicht in seinem fachlichen Denken und seine Überzeugung von der »Notwendigkeit einer Verbindung der Rechtspflege und dem Wirtschaftsleben« machen ihn bald zu einem Vorreiter einer gänzlich neuen juristischen Disziplin, des Wirtschaftsrechts.

Rosenthal, der Politiker

Alfred Ahnert, Eduard Rosenthal, Politiker, Weimarer Verfassung, Landtag Thüringen, Rede, Skizze

Auch politisch hinterlässt Eduard Rosenthal nachhaltige Spuren in Geschichte und Gegenwart der Saalestadt und des Landes Thüringen. Bereits während der Zeit des Deutschen Kaiserreichs ist Rosenthal politisch aktiv. 1910 wird er Mitglied des Weimarischen Landtages, in den er zunächst vom Senat der Universität in Jena und später als Bürger des Landes entsandt wird. Sein Denken über die parlamentarisch-demokratische Staatsordnung und den Rechtsstaat offenbaren die Progressivität seines politischen Wirkens. Noch heute kann diese in seinem Entwurf der Thüringischen Landesverfassung eindrucksvoll nachgezeichnet werden. Sie ist nicht zuletzt Zeugnis seiner Visionen über eine intakte demokratische Staatsarchitektur, die Rosenthal nicht nur als Volkspolitiker zu verfechten, sondern zugleich als Staatsrechtler juristisch zu formen wusste. Zweifelsohne zählen seine Bemühungen um eine Einigung der thüringischen Einzelstaaten am Ausgangspunkt der parlamentarischen Demokratie in Deutschland zu seinem größten politischen Vermächtnis: Als sich mit dem Jahr 1917 eine Wende im Verlauf des Ersten Weltkrieges abzuzeichnen begann, die eine Niederlage Deutschlands und das Zusammenbrechen der Kleinstaaten vorausahnen lassen, bringt Rosenthal einen Antrag ein, der auf die Vereinheitlichung von Gesetzgebung und Verwaltung zielt. Mit dem Entschluss der Präsidenten der Thüringer Landtage im Jahre 1919, den Zusammenschluss der acht thüringischen Staaten zu verwirklichen, wird Rosenthal später zu einer zentralen Figur der politischen Einigung der Thüringer Staaten. Im Auftrag des Staatsrats schreibt er in nur vier Wochen eine konsistente und praktikable Verfassung nieder und legt damit den Grundstein des politischen Zusammenschlusses des Landes. In Beratungen des Gremiums, in dem Widersprüche verschiedener politischer Interessengruppen deutlich zutage traten, rückt er stets das Gemeinsame in den Fokus der Beteiligten. Am 12. Mai 1920 wird sein Verfassungsentwurf angenommen. Mit den wesentlichen verfassungsrechtlichen Prinzipien seiner Arbeit, die auch heute noch tragende Säulen der Thüringer Verfassung sind, gilt Rosenthal heute gemeinhin als »Vater der Thüringer Verfassung«.

Rosenthal, der Kulturmensch

Luis Held, Henry van de Velde, Eduard Rosenthal, Elisabeth Förster-Nietzsche, Auguste Rodin, Weimar, Harry Graf Kessler, Gesellschaft der Kunstfreunde Jena und Weimar, 1904

Neben seinen akademischen Verpflichtungen entwickelt Rosenthal eine rege bürgerschaftliche Tätigkeit und leistet als Kulturliebhaber und -förderer einen wesentlichen Beitrag zum kulturellen Erbe, das der Stadt Jena bis heute erhalten ist. Die repräsentative Villa der Familie Rosenthal, die 1892 errichtet wird, steht gewissermaßen symbolhaft für die Geselligkeit Rosenthals, für seine soziale Einbindung in das städtische Leben und seine hohe Anerkennung, die er als Bürger der Stadt zeitlebens besitzt. Sie entwickelt sich schnell zu einem kulturellen Mittelpunkt des bürgerlich-geistigen Lebens in und um Jena. Künstler, Industrielle und Akademiker kommen hier zusammen. Insbesondere der Gedankenaustausch zwischen den verschiedenen Disziplinen sowie die Vernetzung der Akteure ist dem Ehepaar Rosenthal stets ein großes Anliegen. Auch an der Gastgeberrolle Rosenthals lässt sich seine Fähigkeit ablesen, Zeitgenossen aus Kunst und Literatur in einem Austausch auf Augenhöhe zu begegnen. Bereits während seines Studiums hatte er reges Interesse für geisteswissenschaftliche Disziplinen, besonders für Philosophie, Geschichte und Literatur entwickelt. So verwundert es kaum, dass Rosenthal als Gründungsvater und Förderer des Jenaer Kulturbetriebs vielfach in Erscheinung tritt. Rosenthal ist Mitbegründer des Jenaer Kunstvereins, an dessen Satzung er, in enger Zusammenarbeit mit Ernst Abbe, maßgeblich beteiligt ist und dessen »eifrigste[r] Förderer« er zeitlebens sein wird. Im Dezember 1903 wird Rosenthal für vier Jahre zum ersten Vorsitzenden gewählt. In dieser Zeit gelingt es ihm, den Verein über die Grenzen Thüringens hinweg mit Künstlern in Verbindung zu bringen und legt zudem die Grundlagen für das Wirken Botho Graefs. Auch im Bereich der breiten Volksbildung leistet Rosenthal einen wichtigen Beitrag. Die erste allgemeine Lesehalle und Bibliothek, an deren Gründung er wesentlichen Anteil hat, wird am 1. November 1896 am Löbdergraben eröffnet. Der Verein, dessen Vorsitz Rosenthal 1899 übernimmt, erlangt besonders im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhundert deutschlandweite Bedeutung und wird zum Vorbild für Bibliotheken und Lesehallen in ganz Europa. Zu diesem Zeitpunkt verzeichnet der Verein bereits 62.000 Besucher im Jahr und fördert so maßgeblich die Bildungschancen einer breiten Bevölkerungsschicht. Für Rosenthal ist die Lesehalle ein kultureller Ort, in dem demokratischer Diskurs und ein daraus erwachsendes Toleranzverständnis gegenüber Andersdenkenden entstehen können. Tatsächlich offenbart ein Blick auf die Mitglieder und Spender das breite politische und gesellschaftliche Spektrum, das der Verein zusammenzubringen vermochte: Professoren der Universität, Industrielle, Gewerkschafter und Burschenschaftler engagieren sich neben Lehrlingen, Schuhmachermeistern und Schlossern. Seit Ende der 1890er-Jahre pflegt Rosenthal einen enger werdenden Kontakt zum Unternehmer Ernst Abbe. Gemeinsam mit dem Jenaer Nationalökonomen Julius Pierstorff schreibt Rosenthal das erste Statut der von Abbe eingerichteten Carl-Zeiss-Stiftung nieder und vermittelt wiederum die Bestimmungen der Stiftung, als diese nach Abbes Tod im Jahre 1905 überarbeitet werden.

II. Das verschwundene Bildnis

Mit der Sammlung der Rektoren- und Gelehrtenbildnisse der Friedrich-Schiller-Universität Jena lässt sich nicht nur die Kunstgeschichte des Porträts nachzeichnen, auch 450 Jahre Universitätsgeschichte kommt darin zur Anschauung. Rege bestückt wurde die Sammlung vom 16. bis ins 18. Jahrhundert, doch mit der beginnenden Moderne verlor sie an Zuwachs. Die Fehlstellen in der Sammlung sind aber nicht nur mit den Veränderungen der Gattung Porträt seit dem 19. Jahrhundert zu begründen, es schreibt sich auch die Geschichte der Universität und der politischen Verhältnisse darin ein. Unter den zahlreichen Lücken in der Bildnissammlung ist eine besonders präsent: das fehlende Bildnis des Rektors und Professors für Staats-, Verwaltungs- und Völkerrecht Eduard Rosenthal.

Bemerkenswert an dieser Leerstelle ist der Umstand, dass ursprünglich ein Bildnis existierte, denn 1929, drei Jahre nach Rosenthals Tod, hatte das Rektorat den Berliner Maler Raffael Schuster-Woldan mit einem Porträt beauftragt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erließ der Thüringer Ministerpräsident 1934 eine Verfügung über die »Vernichtung von Gegenständen des »November-Systems«. Daraufhin fragte der damalige Rektor Abraham Essau beim Volksbildungsministerium an, ob auch das Rosenthal-Bildnis unter diese Verfügung falle, nicht ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass Rosenthal Jude war, der Demokratischen Partei angehörte und nach der Revolution 1918 die Landesverfassung entworfen hatte. Das Ministerium wies ihn an, das Bildnis »in die Verwahrung der Universitäts-Bibliothek zu geben.« Zehn Jahre später, im Jahre 1944, bat der Maler Schuster-Woldan die Universität um Rückgabe des Rahmens, um diesen für ein anderes Bild zu verwenden. Daraufhin entschied der nun amtierende Rektor Karl Astel, »den Rahmen ohne Bild« zurückzugeben. Er fügte hinzu: »Das Bild selbst möchte ich als eines der Dokumente dafür behalten, dass auch der Lehrkörper der Universität Jena sich jüdische Rektoren hat gefallen lassen, und Professor Rosenthal ist nur einer von drei Juden, die einmal Rektor der Universität waren.« Seither ist das Bildnis nicht mehr auffindbar.

Lange, allzu lange hat es gedauert, bis das Fehlen von Rosenthals Porträt schmerzlich empfunden wurde. Erst in den 1990er Jahren wurde es thematisiert. Neben Rosenthals Bildnis sind auch die der beiden anderen von Astel erwähnten jüdischen Rektoren verschwunden – es muss sich dabei um den Rechtswissenschaftler Richard Loening und den berühmten Psychiater Otto Binswanger gehandelt haben. Ende der 1990er Jahre erteilte Dr. Horst Skoludek, Vorstandssprecher der Zeiss AG Oberkochen und Verwaltungsratsvorsitzender der Freunde und Förderer der FSU, der Jenaer Malerin Gerlinde Böhnisch-Metzmacher den Auftrag, die Bildnisse Rosenthals sowie Binswangers auf Grundlage von Fotografien zu rekonstruieren. Diese private Initiative war zweifellos äußerst verdienstvoll. Doch die Leerstelle, die durch den Verlust entstand, ist nicht durch eine einfache Rekonstruktion des Verlorengegangenen zu füllen. Das Geschehene lässt sich nicht rückgängig machen, es kann nur thematisiert und bearbeitet werden. Der künstlerischen Reflexion über diese Auslöschung der Erinnerung an wichtige Persönlichkeiten aufgrund ihres Judentums widmet sich der Botho-Graef-Kunstpreis der Stadt Jena 2018.

III. Wirkungsorte

THÜRINGEN

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Quelle:

Vgl. Ebert, Dietmar (2017): Wer war Eduard Rosenthal? Eine Charakterskizze. In: Zeitschriftenarchiv der Gerbergasse 18 (Ausgabe 2), S. 7.

Quelle:

Vgl. Hedemann, Justus Wilhelm (1937): Geschichte des Instituts für Wirtschaftsrecht. Schriftenreihe des Instituts für Wirtschaftsrecht 5, S. 12.

Quelle:

Vgl. Lingelbach, Gerhard (2005): Eduard Rosenthal (1859-1926). Rechtsgelehrter und »Vater« der Thüringer Verfassung von 1920/21. Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus in Thüringen (Band 25), S. 36. Vgl. auch Lingelbach, Gerhard (2004): Eduard Rosenthal (1859-1926). Ein Würzburger schreibt in Thüringen Geschichte. In: 150 Jahre Verein für Thüringische Geschichte (und Altertumskunde). Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte (Beiheft 34).

Quelle:

Vgl. Wahl, Volker (1988): Jena als Kunststadt. Begegnungen mit der modernen Kunst in der thüringischen Universitätsstadt zwischen 1900 und 1933, S. 18.

Quelle:

Dieser Artikel basiert auf dem Aufsatz: Krieger, Verena (2015): Von der Repräsentation des Amtsträgers zur Reflexion der Bildgattung, der Medien und der Geschichte. Jenaer Rektorenbildnisse im 20. und 21. Jahrhundert. In: Forster, Babett, Hellmann, Birgitt (Hrsg.): Kluge Köpfe – Beredte Bilder: Gelehrtenbildnisse aus 450 Jahren Universitätsgeschichte Jena. Stadtmuseum, Städtische Museen Jena, S. 51-75.

Quelle:

Vgl. Schäfer, Peter (2008): Georg Sauter und seine Jenaer Professorenporträts. In: Die große Stadt. Das kulturhistorische Archiv von Weimar-Jena (Band 1), S. 97-109.

Quelle:

Alle Informationen zu diesem Vorgang nach: Platen, Michael (1998): Zusammenfassung der Vorgänge um das Bildnis von Prof. Eduard Rosenthal (1853-1926) auf der Grundlage der Akten im Universitätsarchiv, 26.01.1998 (Archiv der Kustodie). Vgl. auch Hirsch, Wolfgang (1998): Verehrt, verschollen, mißbraucht. Über die Geschichte des Rektorenporträts Eduard Rosenthals. In: Uni-Journal Jena (Band 5), S. 18.

Quelle:

Vgl. Stadtarchiv Jena (2015): Jüdische Lebenswege in Jena. Erinnerungen, Fragmente, Spuren (Bausteine zur Jenaer Stadtgeschichte, S. 165-169 und 360f. Von Birgitt Hellmann stammt der Hinweis auf Richard Loening, der mehrfach Prorektor der Friedrich-Schiller-Universität Jena gewesen ist.