I. Das dezentrale Denkmal von Horst Hoheisel und Andreas Knitz

Die Jury hat einstimmig den Denkmalentwurf »Einblicke – Erkundungsbohrungen nach einem verschwundenen Bildnis« von Horst Hoheisel und Andreas Knitz zum Siegerentwurf gekürt.

Das Künstlerduo schlägt vor, in den Gebäuden, die die wichtigsten Lebens- und Wirkungsorte Eduard Rosenthals waren, jeweils an prominenter öffentlicher Stelle eine Kernbohrung von 20 cm Durchmesser durch die Außenwand zu machen. In jedes dieser Löcher soll eine Messinghülse mit einem thermischen Sicherheitsglas eingefügt werden, in welches jeweils eine Inschrift eingraviert wird, die auf Eduard Rosenthal mit Bezug auf das entsprechende Gebäude verweist.
Diese geplanten »Erkundungsbohrungen« sind – so die Begründung der Jury – »ein starkes Bild für die notwendige Suche nach dem ins Vergessen gedrängten Eduard Rosenthal und seine gleichzeitige Neuentdeckung. Es ist stark, weil es nicht nur metaphorisch bleibt, sondern auch physisch ist – eine reale Verletzung der jeweiligen Gebäude, die Irritation erzeugt, in Form einer deutlichen Intervention. Der physische Eingriff erzeugt dabei immaterielle Präsenz.«
Diese besondere Denkmalform trifft gleichzeitig eine negative und eine positive Aussage: Negativ, weil die Bohrung auf das bewusste Verschwindenlassen, den Verlust des Bildnisses von Eduard Rosenthal verweist, und positiv, weil die Inschrift auf Rosenthals Verdienste aufmerksam macht. Das geplante dezentrale Denkmal wird klein und unauffällig, aber dennoch eindringlich sein. Ein schwarzes Loch in der Fassade eines prominenten Gebäudes fällt nicht unbedingt auf den ersten Blick auf, doch hat man es einmal entdeckt, wird man neugierig. Schaut man hinein, wird man auf Eduard Rosenthal aufmerksam gemacht. Dieser Blick in das Bohrloch ist ein doppelter: ein Blick zurück, in die Vergangenheit, das Suchen – und ein Blick nach vorn, in die Gegenwart, das Entdecken und Begreifen.
Der Akt des Bohrens fungiert gleichsam wie ein Reenactment der Löschung Rosenthals aus dem kulturellen Gedächtnis. Damit wird die Geschichte der antidemokratischen und antisemitischen Ausgrenzung Rosenthals sicht- und erfahrbar gemacht. Geplant ist, daher, die Akte der Bohrungen performativ zu gestalten und zu dokumentieren. Außerdem soll das gesamte Denkmalsprojekt durch ein intensives Vermittlungsprogramm begleitet werden.

II. Mögliche Standorte

THÜRINGEN

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III. Erinnerung an einen engagierten Menschen

Eduard Rosenthal war Rektor der Universität Jena und hat sich auch in sozialer, kultureller und politischer Hinsicht um die Stadt und das Land Thüringen verdient gemacht. Weil er Jude war, haben die Nationalsozialisten ihn aus dem Gedächtnis gelöscht. Mit dem entstehenden dezentralen Denkmal soll Rosenthal endlich angemessen gewürdigt werden. Es erinnert an seinen verschiedenen Wirkungsorten an sein vielfältiges Engagement.

Das Konzept des dezentralen Denkmals findet sich im öffentlichen Raum an vielen Orten. Als ein berühmtes Beispiel sind die Stolpersteine zu nennen, die auf den Künstler Gunter Demnig zurückgehen. Seit 1992 wird Opfern des Nationalsozialismus vor ihren letzten Wohnorten mit im Boden eingelassenen Messing-Täfelchen gedacht. Indem sie ein visuelles »Stolpern« auslösen, lassen sie Geschichte sichtbar werden. Auch die zum Wettbewerb eingeladenen Künstlerinnen und Künstler machten sich auf dem Gebiet bereits verdient. Die Qualität dieser dezentralen Denkmale liegt darin, in jedem Einzelteil der Funktion nachzukommen, Erinnerung wach zu halten und zugleich eine ideelle, alle Elemente verbindende Einheit zu bilden.

IV. Video-Interview mit den Preisträgern